Who cares? Wenn Freund_innen-/Partner_innenschaften, Familien nicht ausreichend supporten können

Vorgeschobener, wichtiger Nachtrag: Als ich vor etwas über einen Monat den unten stehenden Text schrieb, wollte ich mir selber erst einmal darüber klar werden, was ich mir unter dem Begriff ‚caring communities‘ vorstellen kann und auch, warum und wie ein Bedürfnis nach einer solchen community entstanden ist (durch die Situationen, wo der Support des Umfeldes nicht ausreichte), darüber welche Grundregeln oder welche policy so eine Gemeinschaft bräuchte um zu ‚funktionieren‘ (der 2.Teil ist von den ungeschriebenen Regeln, die in meiner filterbubble entstanden sind und entstehen, auch von meinen teils unkonstruktiven Erfahrungen in Gruppen beeinflusst, davon, was hätte anders sein sollen.

Auf Deutsch gab es wenige Texte, die darüber Aufschluss gaben, wie so etwas konkret aussieht, eine caring community. Außer den gute Fragen aufwerfenden posts auf dem Virtual Retreat Center fand ich nichts, was in die von mir gewünschte Richtung(disabled/queer/precary life) ging. Und ich wollte ja auch meinen eigenen Gedanken dazu freien Lauf lassen.

Was ich versäumte nach dem Verfassen, war länger nachzuforschen, wer den Begriff ursprünglich geprägt hat. Diese Woche kam dann berechtigte Kritik (siehe post) und mir wurde mitgeteilt, dass Leah Lakshmi Piepzna-Samarasinha den Begriff in der Debatte mit anderen Women of Color auf brownstargirl.org geprägt hat.

Ich habe mich gefragt, wie das kommt, dass ich so achtlos sein konnte, dass ich auch später nicht drauf kam, weiter nach dem Ursprung des Wortes zu suchen bis ich ihn gefunden hätte. Als weiße von ableism, classism, sexism betroffene Person und in prekären ökonomischen Lebensverhältnissen lebend, verfüge ich trotz allem über white privilege. Und das eben nicht theoretisch, wie sich an meinem Fail zeigt. Dieses ‚von einen Begriff begeistert sein‘, aber die Anerkennung derer, die ihn prägten vernachlässigen, hat mit white privilege und dem sich universal setzen zu tun. Oft sind es Women of Color, die #ausGruenden mehrfacher Diskriminierung/Unterdrückung Begriffe entwickeln, die als tools der Befreiung dienen. Ich entschuldige mich für meine Ignoranz, und es tut mir sehr leid, gerade weil dieser wunderbare Begriff mir Hoffnung macht, einen Raum darstellt in dem sich Neues denken und fühlen lässt. Die Anerkennung gehört dorthin, wo der Begriff erabeitet wurde.

 

Einige Gedanken dazu, was caring commmunities sein könnten

Vorab einige content notes: Die Sehnsucht nach einer Gemeinschaft, in der sich Menschen solidarisch unterstützen, die unhierarchisch support anbietet, also am Hilfewunsch Betroffener orientiert ist, ist im Laufe der Jahre und mit den vielen Erfahrungen in mir sehr stark geworden. Da ich über den Weg zu diesem Gedanken an caring communities schreibe möchte, gibt es folgende #CN:
#CN PTSD + #CN mental health issues, #CN prekäres Leben durch gesundheitliche und finanzielle Einschränkungen.
Eine Triggerwarnung: Suizidalität

1.Teil erlebte Support-Grenzen

-Wir sind einfach zu wenige! (sagte eine Freundin)
-Da ist meine Grenze, ich helfe Dir natürlich nur auf die Art, die ich sinnvoll finde
(ein Freund, als ich sagte, was mir am meisten helfen würde und er diesen konkreten Wunsch ablehnte)
– Ich kann im Herbst erst wieder für Dich da sein, ich bin selbst so belastet, ich habe Angst, x nicht zu schaffen (Aussage einer Freundin).

Nun gibt es viele Situationen, in denen eins alleine klar kommt, wenn eins keine andere Wahl hat. Vielleicht dauert es dann länger und ist mühsamer, aber von den vielen Momenten, wo es mir nicht gut geht, bleiben eh die meisten unerwähnt. Weil niemensch da oder wirklich erreichbar ist. Weil tagsüber alle arbeiten sind und nicht ans Telefon gehen können, weil die Freund_innen abends zu geschafft und müde sind um noch ans Telefon zu gehen, und es nachts leise gestellt haben. Es ist eh, glaube ich, ein Jahrzehnt her, wo es noch üblich war bis 22h oder bei länger Aufbleibenden bis 24h anzurufen. Ich denke, ich habe davon allmählich immer sparsamer Gebrauch gemacht. Und die vielen unangenehmen Momente wären für mich kein ausreichender Grund mehr, jemensch anzurufen.

Die obigen Sätze fielen also in einer der schlimmsten Zeiten meines Lebens, wo es mit etwas Geduld und Durchhaltevermögen nicht getan war, sondern neben finanzieller und praktischer Hilfe, eine Unterstützung gebraucht hätte, die von meinen mit den Jahren verkleinerten Freund_innenkreis nicht geleistet werden konnte.

Meine Betonung liegt beim Ausbleiben der passenden Hilfe auf dem Nichtkönnen meines Umfeldes, es handelt sich um Menschen, die mir viele Male zur Seite gestanden haben, also geht es hier nicht darum, ein Fass aufzumachen, was ‚wahre Freund_innen‘ denn leisten können müssen, zu jeder Zeit wäre eh utopisch. Das, was nachhaltig niederschmetternd war und mich etwas resigniert auf mitmenschliche Beziehungen seitdem blicken lässt, hängt damit zusammen, dass mir keine_r von den Nahestehenden so helfen konnte, wie es in der Situation am Besten/Effektivsten gewesen wäre. Ich erwartete es weder von allen, noch von einer bestimmten Person, nur hat mich, dass es keine einzige Person in der Zeit konnte, umgehauen.

Jede_r, der_die sich mit viel Belastung durch das Leben schlägt, kennt beim Auftauchen von größeren Problemen, auch die damit einhergehende Verlustangst; dass eins zu sehr belasten könnte, dass ein Ungleichgewicht entsteht, dass ein_e signifikante_r andere_r geht, weil alles zuviel ist. Und eins selbst muss da bleiben, im eigenen Leben und kann den Schauplatz des Ereignisses nicht einfach so verlassen.

Ich versuche es mit einer nicht zu detaillierten Beschreibung, wie ich vor zwei Jahren auf diese Support-Grenzen meines Umfeldes gestossen wurde.

Meine Wohnsituation war damals so, dass ein Problem entstanden war, an dem ich laut Experten nicht schuld war, aber das tröstete nur kurz. Ich musste mich von Möbeln, persönlichen Sachen, wie Briefen, Fotos, Kladden und einen nicht kleinen Teil meiner Kleidung verabschieden. Nicht Schuld hieß auch, für sowas gibt es dann keine Prävention meinerseits, damit so etwas nie wieder entsteht. Für mich ist der noch gar nicht bewältigte Teil auf jeden Fall der Verlust, aber auch dass ich viereinhalb Monate in diesem Geschehen verbleiben musste, denn ich war höchst allergisch auf das Problem, was entstanden war, ich konnte viereinhalb Monate kaum Schlafen, bekam schwer Luft, hatte täglich Bauchschmerzen, meine Haut war trocken und pieksig. Und auch wenn ich wusste, es ist nur ne Allergie, und die verschwindet, wenn das Problem beseitigt ist auch wieder, habe ich mich ohne Unterbrechung sterbenselend gefühlt. Meine Freund_innen nahmen mehr oder weniger hilflos zur Kenntnis, dass mich nach allem, was ich durchgestanden hatte, vielleicht bei etwas weniger ‚Schlimmen‘ (Verglichen mit Gewalterfahrungen, etc) strauchelte und endlich einmal aussprach, was eins nicht inflationär benutzen ‚darf‘, ich hatte es mir aufbewahrt, und zwar: Ich kann nicht mehr.
Die Freund_innen halfen mir schon beim Bezahlen des Experten, der alle 4 Wochen seinen Job tat, sie gaben acht auf die Besitztümer, die zu retten waren und suchten gebrauchte Kleidung raus, halfen bei Minimalmöblierungsersatz.

Ich hatte nur noch einen Wunsch: Nicht in die Wohnung zurückkehren zu müssen, so lange wie sie allergieauslösend war. Natürlich gab es die Idee, eine Wohnung zu suchen, nur dass ich gar nicht fit genug (ich musste Wege sehr Kurz halten, mir war ständig übel) und auch nicht repräsentabel war, machte diesen Plan unmöglich.

Ich konnte in Berlin bei keine_r_m wirklich unterkommen (wegen full house mit Kindern/ wegen Partnerin/ wegen Grenze/ wegen Angst der einen Freundin, dass sie dann nicht ihr Ziel (PHD) erreicht). Die einzige Freundin, die mir anbot mich aufzunehmen so lange es sein müsste, wohnte ein paar hundert Kilometer weit weg, die Frage wäre da gewesen: Und mein Berliner Leben? Ist das dann futsch? Ich hätte kein Geld gehabt, hin und her zu pendeln, und ich musste ja trotzdem und gerade voll viel regeln.
Eine Freundin in der Ferne fragte:
-Und Deine Therapeutin, was sagt die dazu, dass Du nicht mehr kannst?
Ich murmelte irgendwas davon, dass die mir ja keinen Schmuh erzählen kann, weil sie sehr vertraut ist mit der Lebensrealität ihre_r Klient_innen.
Ich sagte nicht, dass meine Therapeutin mich gefragt hatte:
-Und ihre Freund_innen?
Ja, ach.
Ich fragte meine Therapeutin. woran eins eigentlich einen Zusammenbruch erkennt? Muss eins da schreien, wirklich umkippen, weil wenn das so ist, dann wird mir nie eine_r glauben, wie es mir geht, da ich eher still implodiere.
Sie antwortete:
-Menschen die zusammenbrechen, verwenden oft den Satz ‚Ich kann nicht mehr‘.
Also den Satz, den ich gegenüber nahen Personen ausgeprochen hatte. Aber es war nicht das Zauberwort, keine_r hatte mal eben kurz das Steuer übernehmen können.

Ich ging zu einer sozialpädagogischen Betreuungsstelle. Ich war noch zu fit, zu selbstständig, ich kannte mich zu gut aus, wusste was ich probieren könnte und mir konnte auch dort nicht geholfen werden.

Ich war suizidal zu der Zeit, hatte wieder häufiger Angstzustände, viereinhalb Monate Stress ohne Pause, ohne zu wissen wofür eins durchhält, war wirklich kein Picknick. Ich rief einmal eine ganze Nacht die Telefonseelsorge an, wo immer nur der AB ansprang, die Mitarbeiter_innen seien wohl im Gespräch. Erreicht hatte ich letztendlich niemensch.

Das Vertrauen, das kaputt ging, gilt keiner Beziehung im Besonderen. Eher ein unpersönliches, verallgemeinertes ‚wie wenig wir uns gegenseitig zu helfen vermögen‘. Kein guter Ausblick. Denn ich werde immer wieder support brauchen, manchmal bei körperlich zu verrichtenden Aufgaben, manchmal zuhören, oder nur da sein, schweigen, auf’s Wasser gucken oder so. Was Freund_innen trotz all des Stresses an mir schätzen: Ich kann ihnen sagen, was mir hilft, oder was ich an Lösungsmöglichkeiten recherchiert habe und sie können sich dann dazu verhaltem, indem sie mir bescheid geben, was möglich ist und was nicht.

2. Teil Caring communities? In need of a vision

Ich habe im ersten Teil geschildert, wie eins an Grenzen stossen kann, was das Umfeld an Support anbieten kann. Viele Menschen mit Behinderung, chronischer Krankheit, mental health issues würden zu diesem Thema eine Menge Beispiele beisteuern können; dass die eigene Familie nicht unbedingt den besten Support leisten kann, liegt teils am Mangel an Mitteln, teils an unguten Dynamiken, die eins sich in schweren Zeiten ersparen möchte. Was also tun, wenn eins durchaus gute, aber ‚zu wenige‘, supportende Menschen kennt, wenn Freund_innen, Partner_innen, Familie nicht helfen können? Wenn diese sehr persönlichen Beziehungen eh nicht frei sind von Druck, Angst vor Verlust, etc? Wenn eins sich Dienstleistung nicht erlauben kann, oder es diese gar nicht als solche passend gibt? Wenn eins sich an Stellen wenden kann, aber diese dann doch eine Hierarchie reproduzieren, wo der_die Hilfesuchende nicht Entscheidungsträger_in ist?

An einem Abend mit lieben Menschen, zitierte ich diesen Satz der einen Freundin: ‚Wir sind zu wenige.‘
Und jemensch antwortete:
-Ja, deshalb gibt es ja caring communities.
Ich hatte keinen blassen Schimmer, was dieser Begriff meinte und habe bis jetzt auch noch nicht viel dazu gefunden bis auf einen blog, in den meisten Artikeln anderswo ging es ausschließlich um ältere Menschen und alternative Wohnformen.

Ich möchte also erst mal drüber nachdenken, was ich mir darunter vorstellen könnte, was es sein könnte, so eine caring community und später dann wie sich so etwas konkretisieren ließe.

Als erstes gehe ich davon aus, dass es in einer community gemeinsame, verbindende Themen gibt. In diesem konkreten Falle stelle ich mir Menschen vor, die entweder von körperlichen und oder seelischen Einschränkungen betroffen sind, und Stigmatisierungs-/Prekarisierungserfahrung teilen. Das Ganze feministisch unterwandert. Im Gegensatz zu einer Selbsthilfegruppe ist dieses eine sehr viel weitere Klammer, in der Menschen nicht alle dieselbe Einschränkung erfahren…ich kann Z.B. körperlich schwere Arbeiten nicht für jemensch übernehmen, was wiederum nicht heißt, dass ich gar nicht körperlich helfen kann. Ich kann Besorgungen erledigen, jemensch bei einem Behördengang begleiten, die Fahrt antreten um da zu sein, wo jemensch mal nicht alleine sein mag. Den Schluss zu ziehen, dass ich, weil ich selber seelisch so belastet bin, nicht noch mehr tragen, von einer anderen Person mitragen kann, wäre falsch. Ich kann es sicher auch nicht immer, aber ich habe mir, glaube ich, viele Gedanken gemacht, und was ich anbieten kann, ist zuhören und versuchen es einfach stehen zu lassen, was mal mehr, mal weniger gelingt, ich denke nur so kommen Betroffene dazu, ihre Wünsche zu formulieren und nicht nur das, was sozial als erwünscht gilt.

Mögliche Bedingungen für eine caring community

(für mich mit Schwerpunkt #disability+ #queerfeminism)

1. Die betroffene supportsuchende Person formuliert welche Art des Supports sie wünscht. Menschen, die diesen Support leisten können, bieten Hilfe an. Keine ungefragten Ratschläge/Tipps.

2. Wenn Person A Person B etwas geben kann, ist Person B der supportenden Person nichts schuldig. Vielleicht hat Person B nicht die passenden skills oder Ressourcen um A auch mal zu helfen, dafür aber irgendwann Person C oder D. Eine große Gruppe bietet vermutlich eine größere Bandbreite an Hilfen.

3.Akzeptieren, dass Menschen Unterschiedliches hilft; de_m_r einen Auseinandersetzung, de_m_r nächsten Ablenkung, gemeinsam etwas Kochen oder oder oder.

4. Vielleicht bekannte Stress-Situationen formulieren, was hilft eins erfahrungsgemäß, welches Verhalten von anderen ist dann unerwünscht. Grenzen benennen. Anerkennen.

5. Eine große Sorge meinerseits, wie eins sich, egal in welcher Gruppe vor Diskriminierung, (emotionalen und anderen) abuse, etc schützen kann, bzw, was eins dagegen tun kann. zu oft wird selbstverständlich angenommen, dass die eigene Gruppe reflektiert genug sei, dass da so etwas gar nicht vorkomme. Ich fürchte allerdings, dass diese Reflektion angeregt werden muss. Veranstaltungen dazu angeboten werden und besucht werden sollten, vor allen anderen Aktivitäten.

6. Hilflosigkeit aushalten lernen. Wir sind nicht immer in der Lage, mit unseren Bemühungen, Probleme ganz und gar zu lösen. Mit einigen lebt eins ein Leben lang, andere verringern sich wenigstens graduell. Manchmal kann es sehr frustrieren, nicht an einem sichtbarem Erfolg, einer totalen Veränderung eines Zustandes messen zu können, ob der Support etwas ‚genützt‘ hat. Sich nicht gegenseitig damit unter Druck setzen.

7. Ein Ziel (zugegeben ein sehr persönliches) könnte sein, dass das Unerträgliche, nicht mehr unerträglich ist, durch den support, dass sich annehmen als die Person, die diese Problemlage hat. Sich nicht mehr unzumutbar zu fühlen macht vieles tragbarer.

So, das war es erstmal so als anfängliche Gedankenspielerei, wie es aussehen könnte und wie es wunderbar wäre. Und wenn dann jetzt jenmensch sagt:
-Hey Mika, sehr schön, aber total utopisch!

…dann kann ich nur grinsen, weil ich bevor ich auf twitter dazu gestossen bin, auch nie gedacht hätte, dass eins sich in einem 140-Zeichen-Medium so austauschen kann, dass es sowohl der Reflektion, der Analyse, dem Lernen, dem Knüpfen von Kontakten dienen kann, dass Menschen, die sich nie getroffen haben, sich zuhören, mit technischen Equipement aushelfen, sich Essenspakete schicken, Bücher ausleihen, gegenseitig empowern…eine caring community in Teilen, natürlich mit den Grenzen, die das Ganze online hat.

Diesen Blogpost widme ich der weltbesten @lightsneeze und @ein_maiki