the aging crip in the mirror is me

The aging crip in the mirror is me
(Mein Altern rudimentär skizziert)

Befindlichkeiten und Schnappschüsse aus dem voran geschrittenen Leben einer be_hinderten Person, die zufällig ich bin.

Wann immer das Thema “Altern“ von mir aufgebracht wird, kommen Reaktionen wie “Aber so alt bist/wirkst Du doch gar nicht!“, vielleicht noch eine Geschichte von der eigenen Omi hinterher werfend, die im Altersheim einen Lover fand: Nur dass ich eben NICHT cis/hetero/Mittelschicht/relativ gesund bin, wie die Person aus dem Beispiel namens „Auch spät kann eine_r_m noch Gutes widerfahren.“

Oder meinen Schmerzberichten, die dieses Altern mit Be_Hinderung auslöst, wird im besten Falle mit “feel you“ begegnet, obwohl die Person nicht dieselben Unterdrückungsformen erlebt und oft erheblich jünger ist.

Nicht dass es einfacher wäre, wenn eins jünger ist, oder die Mär von “Das ganze Leben liegt noch vor Dir/ Die Welt steht Dir offen“ dann wahrer wäre…
Aber die Abwesenheit von beruflicher Perspektive ist nicht mehr nur eine Wahrscheinlichkeit, sondern eine Gewissheit geworden, die zuweilen höllisch schmerzt. Es gibt keinen Lebensabend auf den ich mich freuen kann, weil ich mir dann “verdiente“ Dinge gönnen könnte, Reisen oder Ruhe oder was auch immer.

Ich bin in prekären Verhältnissen aufgewachsen, ich habe in ihnen weitergelebt, das Studium hat daran nix ändern können, ich musste es abbrechen, weil ich die x-te Gewalterfahrung nicht verkraften konnte und ich durfte mich fortan dafür rechtfertigen.
“Wann wollen Sie denn der Gesellschaft etwas zurückgeben?“ wurde ich gefragt.     „Das Studium wieder aufzunehmen ist ihre einzige Chance“, wurde mir gesagt.

Schnappschuss 1:

Ja, das mika hat PTBS, das leugnet keine_r, aber funktionieren soll es trotzdem.          Zeit ist Geld!
Erstmal beeindruckt zeigen, dass das mika so dermaßen nicht-funktionierend sein kann.                                                                                                                                   “Also, wenn jemensch für diesen Job (oder für die Forschung) geeignet ist, dann Du“

(“Hey Fans, wir reden hier nicht von mangelndem Selbstbewusstsein, sondern von den faktischen Konsequenzen eines Ereignisse, das mich kaum noch schlafen lässt, Angstzustände verursacht und mich depressiv verstimmt!“ sagte das mika, aber nicht sofort)

Da ist keine Zeit für Trauerarbeit gewesen. Um verlorene Chancen.                             Es ist nicht meine Schuld gewesen. Eins hätte Raum und Perspektiven für das veränderte mika schaffen müssen, denn die vorige Version gab es nicht mehr.

Ich trauere jetzt.

Mangelnde Perspektiven auch was gute Nähe betrifft. Männer ™ sind für mich kein Thema mehr, weil die Beziehung nur um den Preis des misgenderns (ich wurde/werde als Frau gelesen und die Beziehung als hetero) stattfanden. Ich hatte eventuell ziemliches, partielles Selbstbewusstsein in diesen Beziehungen, das script schien nicht so kompliziert, wenn auch nicht sonderlich glücklich machend.

Anders nun mit dem Bewusstsein queer zu sein: Keine “queere Sozialisation“ oder frühe Vorbilder gehabt zu haben, macht mich super unsicher. Verliebtheiten gab es auch in Nicht-Männer, aber keine Chance.  Ja, Chancen spielen auch ne Rolle.

Snapshots, mehrere:

“Würdest Du mit mir gehen, wenn ich ein Junge wäre?“ fragte ich die Freundin mit 13. Vermutlich ja.  Ich war nur kein Junge.
Crushigkeit für eine Frau*, als ich in die 30er kam, sie selbst nicht normschön, aber so anziehend, und dann taucht plötzlich ihre Freundin auf der Bildfläche auf, eine klassische Schönheit, und was zu sagen hat keinen Sinn. Gar keinen.
Genauso wenig wie bei der Freundin*, die hetero ist und in einer Mono-Beziehung oder der Mitbewohnerin einer Freundin, die sich in einer lesbischen Mono-Beziehung befand. Das Wort polyamor fiel nirgends. Aber hätte mich das attraktiver gemacht?

Auch jetzt, wo ich all diese Dinge öfter sage, wenig Bewusstheit von den jeweils Zuhörenden dafür, welche Rolle auch ableism/lookism/Schönheits-/Körperideale in der queeren Szene spielen. Was soll’s I am late to the party. Habe ich credibility at all???
“Und nuuuur die innere Schönheit zählt!“ Das trifft sich gut, ich bin nämlich häßlich! Na, so wörtlich habe ich die Phrase wohl dann doch nie genommen.

Trauerarbeit auch da vonnöten. Wegen diesem alleine-durch’s-Leben-gehen-müssen. Nicht-dazu-Gehören. Und auch wegen der Einsamkeit der Haut

„…sollt ich die kurze schauerliche Zeit nur mit Gedanken Umgang haben und allein nichts Liebes kennen und nichts Liebes tun…“                                                            (Ingeborg Bachmann, „Erklär mir, Liebe“)

Ich wollte doch noch kleine Gesten nachholen, die ich vernachlässigen musste, weil es für sie nicht die passenden Kontexte gab. Zärtlichkeit auch. War aus Angst vor normativen Kitsch oder wegen der Nicht-Kompatibilität nicht überbordend vorhanden.

Und zuletzt Trauerarbeit, weil dieser Körper nicht auf die Modalitäten trifft, die er braucht und gebraucht hätte  Ein Leben lang wird von ihm erwartet, dass er sich anpassen soll, obwohl er be_hindert ist und be_hindert wird. Auf die notwendigen Anpassungen der Umgebung an meinen Körper kann ich lange warten.                  Ewig, Wenn ich denn nicht sterblich wär.

Hinzu kommt Angst vor behindertenfeindlicher Gewalt, sie wächst in mir, je mehr sich meine Gesundheit verschlechtert, je älter ich werde.                                                 “Gleich drei Abweichungen auf einmal (mindestens!!!), das geht nun wirklich nicht!!!“ (Nichtbinär, behindert, häßlich, alt, prekär, Mist das waren schon 5!)

Mir ist es unheimlich, dass bei manchen Menschen schon eine dieser „Abweichungen“ Aggression auslöst.

Altern mit Be_Hinderung ist für mich also Trauern in erster Linie.                              Wegen der Unmöglichkeiten. Und eben  Angst.                                                           Das heißt nicht, dass ich etwas über das Altern an sich aussage.
I am not your mirror. The aging crip in the mirror is me.

Ein Gedanke zu „the aging crip in the mirror is me

  1. Schon einen Monat hier dieser Beitrag, ich bin langsam und unzuverlässig im Lesen und on/da sein. Aber ich muss hier kommentieren, ich mit meinen viel weniger Abweichungen, mit meinem angepassten Leben, dass mich die Zwänge/Enge der Kyriarchy auch, aber ganz anders, fühlen lässt. Im besten Falle kann ich sagen: i feel you. Aber vielleicht ist es trotzdem etwas.
    Beim Teil mit der queeren Szene bin ich voll da. Diese Trauerarbeit um ein verpasstes/verpatztes Liebesleben holt mich auch immer wieder ein, doch ich verschiebe sie bisher erfolgreich. Bei Sara Ahmed im Happiness-Buch steht viel davon, wie uns beigebracht wird, unser Glücklich-Sein an bestimmte Dinge zu heften. Zum Beispiel a love life. Als wäre eins weniger wert ohne das. Sind wir nicht. Wir sind alles wert. :| :) <3

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